Neuer Film "el ultimo tango"

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Michael
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Neuer Film "el ultimo tango"

Beitrag von Michael » 01.11.2015, 03:26

Ergänzung am 8.11.2015 nach meinem Besuch des Filmes:

Es geht um die einstigen Tangostars María Nieves Juan Carlos Copes
Infos in spanischer Wikipedia:
https://es.wikipedia.org/wiki/Mar%C3%ADa_Nieves
https://es.wikipedia.org/wiki/Juan_Carlos_Copes

Der Film zeigt das Leben der beiden Protagonisten und ihre Karriere als Tanzpaar seit den 50er Jahren. Der letzte Höhepunkt ist ihr Engagement bei der internationalen Show "Tango Argentino", also dem Bühnentango. Unvermeidlich: Aufnahmen aus den 80er Jahren von dieser Bühnenshow muten heute etwas kitschig an...

Die beiden Protagonisten finden tänzerisch zueinander, menschlich aber bleiben sie sich fremd und stossen sich sogar ab. María Nieves ist heute 80-jährig und erzählt im Film ihre Erinnerungen an die alten Zeiten. Sie hält mit ihren Lebenserfahrungen nicht zurück. z.B. würde sie alles wieder genau so machen, "aber ohne Juan Copes". Und sie steht - nach eigenen Enttäuschungen - zu ihrer Einsicht, dass es wohl besser sei, die "Männer auszunutzen"! Juan Copes kommt im Film ebenfalls zu Wort - wenn auch deutlich geringer im Umfang, aber ebenfalls mit klaren Positionen.

Der Film wechselt zwischen Gegenwart (María mit heutigen Tangoschülern) und Vergangenheit hin und her. Anfangs kann ich noch gut folgen (die alten Szenen sind in einem Sepia-Farbton gedreht), später entgleitet mir manchmal die Aufmerksamkeit, was Gegenwart und was Vergangenheit ist.

Stellenweise erinnert der Film an den einstigen Film-Erfolg "Tango Lesson". Im Abspann ist die Hommage an Pablo Verón erwähnt - somit alles paletti :)

Mein Fazit:
Der Film ist für uns aus der Tangoszene sehenswert. Er führt vor Augen, dass das Pendel zwischen Liebe, Leidenschaft und Hass schnell umschlagen kann. Der Film lässt mich am Ende allein - begleitet von eingänglicher Tangomusik. Ich weiss nicht, was ich in dem Moment den beiden Protagonisten wünschen sollte (heute 81-jährig und 84-jährig).

Kleine Schluss-Notiz:
Der Film ist in Kooperation mit dem Westdeutschen Rundfunk WDR entstanden. Somit düfte der Film in den nächsten Monaten auch im Fernsehen des WDR zu sehen sein.

Michael, 8.11.2015

P.S. Wer will, kann hier im Forum auch gerne eigene Kommentare schreiben.


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1.11.2015
Plakate im Kino Schaukasten, Filmstart am 5.11.2015:
weitere Infos bei http://www.xenixfilm.ch/de/film_info.php?ID=6650
plakat1.jpg
plakat2.jpg
plakat2.jpg (105.62 KiB) 2161 mal betrachtet
plakat3.jpg

Michele
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Registriert: 16.11.2015, 21:34

Re: Neuer Film "el ultimo tango"

Beitrag von Michele » 12.11.2015, 21:04

In diesem Film gibt es viele Interviews, vor allem mit Maria Nieves, wobei sie etwas über die Geschichte und viel über ihre Gefühle spricht. Dann gibt es Szenen des "Films im Film", wo besprochen wird, wie man dieses oder jenes aus dem Leben der beiden umsetzen könnte. Der Film wird meiner Meinung vor allem dort gut, wo die Schauspieler Szenen aus dem Leben der beiden nachspielen.
Ein paar der (neu gedrehten) Tanzszenen fand ich sehr gelungen, z.B. die Tanz-Szene auf der Brücke mit dem Kopfsteinpflaster ist richtig schön gefilmt. Die eingespielten Aufnahmen von Shows der beiden aus den 70er Jahren und danach haben mir nicht sonderlich gefallen - im Film wird eben v.a. elaborierter Show-Tango gezeigt.

Der Film konzentriert sich v.a. auf die Aussagen von Maria Nieves, eigentlich ist es in erster Linie ein Film über sie. Ihr Partner Juan Copes kommt nur wenig zu Wort. Einige Sachen werden ausgelassen. Z.B. dass Copes in der Zeit der Trennung 2 Jahre mit der jüngeren Schwester von Maria, mit Cristina, tanzte.

Der grössere Kontext wird im Film meiner Meinung kaum erwähnt: die Blütezeit des Tango Argentino war vorbei, die Militärdiktatur hatte ab 1955 den Tanzbetrieb, wie er in den 40er und frühen 50er Jahren floriert hatte, rigoros abgewürgt. Versammlungen von mehr als 2 Personen bedurften auf einmal einer Bewilligung. Juan Copes wollte den Tango-Tanz auf die Bühne bringen, damit er überleben konnte. Der Tanz wurde so zum "Export-Show-Gut" – für die Touris, dann zur Bühnen-Show im Ausland.

Copes trieb sein Konzept des Bühnentangos weiter, was in der Tangoshow Tango Argentino (Paris 1983) mündete, die dann zu einem Revival des Tango in Europa führte. Der im Film gezeigte Tanz ist zum grössten Teil Bühnenshow-Tango, so wie es das Ziel von J. Copes war. Ebenso ist die im Film gehörte Musik dramatische Bühnentangomusik, die, wie ich finde, einfach nicht die Qualität und Innigkeit der Musik aus der Zeit der Epoca d'Oro hat.

Dass die beiden viel gereist sind – u.a. nach Zentralamerika, Venezuela, Brasilien, Mexico und Cuba – taucht im Film auch nicht gross auf. Ebenso wird die Zeit mit Astor Piazzolla kaum erwähnt, den sie in Mexico trafen, und der sie auch in die USA (Las Vegas, New York und andere Orte) brachte.
Die verletzten Gefühle der nicht erfüllten Erwartungen stehen im Film im Vordergrund. A., die den Film auch gesehen hat, sprach von "zu viel Bitterkeit". Eine Zuschauerin fand den Film "länglich", obwohl er nur 83 Minuten dauert. Das habe ich auch so empfunden und ist verständlich, wenn man im Film sich so auf die Gefühle der Hauptdarstellerin konzentriert. Der Film hätte gewonnen, wenn es mehr Tanzszenen gegeben hätte.

Weiterer Lesestoff z.B. hier:
http://www.todotango.com/english/artist ... ia-Nieves/

Michael KI

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