Film „Tango zu Besuch“

Foto: Filmplakat

„Tango zu Besuch“ (tango on a visit) ist ein Film von Irene Schüller aus DE-Freiburg
(deutsch mit englischen Untertiteln, 2017, 52 min)

Auf der Seite tango-on-a-visit-film.de schreibt die Filmemacherin von einem “Dokumentarfilm über die Sehnsucht, in der Umarmung mit dem Fremden sich selbst zu begegnen.“

Im Jahr 2015 hatte Irene mit einem crowd funding Projekt für einen Beitrag zum Film geworben (bei tangoinfo.ch machte ich darauf aufmerksam). Die Finanzierung wurde erreicht und daher freut es mich besonders, dass der Film nun vorgestellt wird.

Gezeigt wurde er bisher u.a. in Köln, Basel, Luzern und Bern. Ich besuche die Aufführung am 27.12.2017 in Bern im cinematte. Für die nächsten Aufführungen in Freiburg, Kenzlingen, Donaueschingen, Titisee-Neustadt siehe die Film-Homepage.

Bei der Milonga im Foyer vom cinematte ist Christian, einer der Darsteller, ebenfalls zu Gast und legt die Musik zur Milonga auf.


Die Hauptdarsteller sind fünf „angefressene“ Tangotänzerinnen und – Tänzer aus dem Raum Freiburg bis Basel. Sie sind alle schon lange Zeit beim Tango und erzählen über ihre Gefühle, Vorstellungen und Erwartungen. Im Grunde wäre ein Dokumentarfilm zu diesem Thema nichts neues, aber gerade durch die persönlichen Einblicke in die Gefühlswelt und Motive der fünf  Protagonisten ist der Film sehenswert. Sie reden alle sehr offen über ihre Beziehungen zur Musik, zum Tanz und zu den Menschen. Es gehören auch manche Frusterlebnisse dazu.

Die Filmbesucher werden auch mit Aussagen konfrontiert, die sie nicht ganz ruhig lassen. Z.B. bringt einer der Tangueros einen Vergleich von hiesigen Tangotänzerinnen und asiatischen Tangotänzerinnen. Machismo? Ja.

Eine der Protoagonistinnen scheint nicht ganz uneitel zu sein – gleich zu Beginn des Films erfüllt sie sich einen Wunsch, indem sie ihre Tanzschuhe goldfarben anstreicht. Mit flüssiger Farbe – mir kommen dabei ganz praktische Bedenken „ob das nicht abfärbt…“ 🙂 Eine weitere Darstellerin ist häufig beim Tanztraining zu sehen, für sie ist die körperliche Konstitution sehr wichtig.

Der Film erzählt keine Geschichte, sondern begleitet die fünf Darsteller für eine kurze Zeit in ihrem „Tangoleben“. Alle fünf haben bisher viel in ihre Leidenschaft und ihr Können investiert und so kommt es nicht von ungefähr, dass auch Frusterlebnisse nicht ausbleiben. Ihre Be-kenntnisse und Er-kenntnisse sind die Konsequenzen aus ihren langjährigen Tangoerfahrungen.

Der Film spielt im privaten Umfeld der Protagonisten wie auch bei Milongas. Die Atmosphäre an Milongas wird durch Bilder der Gesichter und durch den Bewegungsfluss vermittelt. Die Aufnahmen sind bei verfügbarem Licht gedreht (welches bei einer Milonga äusserst gering ist) und bewahren so die intime Atmosphäre.

Zum Schluss des Filmes gibt es einen für mich etwas unerwarteten Abschied der fünf Tangofreunde. Die einen ziehen weg, ein anderer macht seinen experimentellen Tango weiter und einer sinniert über mögliche Beziehungen, die ihn auch ganz vom Tango abbringen könnten.

Der Film endet mit einer Metapher von schwarzen Vögeln in einer herbstlichen Szenerie (siehe den Flyer) und führt zu einer eher  niedergeschlagenen Stimmung. Mir sind der Hintergrund vom Tango und seine Entstehungsgeschichte bekannt. Auch, dass es um menschliche Themen von Abschied, Melancholie, Enttäuschung und Trauer gehen kann. Irene Schüller schreibt in ihren Betrachtungen „Es scheint, dass Tango den Kummer verstärkt und zugleich die beste Therapie verspricht“.

Mich lässt der Film etwas ratlos zurück. Ich empfehle, bei kommenden Aufführungen in Südbaden das Gespräch mit Irene Schüller zu suchen (Termine auf der Film-Homepage).

Michael, tangoinfo.ch

Nachfolgend zwei Flyer zum  Film: